Chronik

Retschwil

Die allerersten Namensüberlieferungen
von Retschwil sind sehr unterschiedlich: “Reginsfrideswiler” wird
um 1150 unter den Gütern des Allerheiligen-Klosters Schaffhausen erstmals
erwähnt. Im Schutzbrief König Friedrich I. für das Chorherrenstift
Beromünster aus dem Jahre 1173 glaubt man in “Richartshoule”
Retschwil zu erkennen; 1232 übertrugen Albrecht IV. und Rudolf III. von
Habsburg dem Münsterer Stift zwei Schuposen in “Retschinwile”
und im Zinsrodel Ulrichs I. von Reinach aus dem Jahre 1295 sind dessen Besitzungen
in “Richarzwile” aufgeführt. Wie Pfahlbaufunde bei Stäfligen
am Baldeggersee beweisen, reicht Retschwils Vergangenheit bis in die Jungsteinzeit
zurück. Im Mittelalter waren neben den Chorherren von Beromünster
auch die Deutschordensritter zu Hitzkirch und die Johanniter zu Hohenrain in
Retschwil begütert. Nach der Eroberung des habsburgischen Seetals durch
die Luzerner im Jahre 1415 gelangte Retschwil an die von den Eidgenossen verwalteten
Freien Ämter und wurde erst 1803 luzernisch.

Die Gemeinde Retschwil weist eine
untere Höhe über Meer von ca. 465 Metern auf und erstreckt sich am
Abhang der Erbse hinauf bis auf eine Höhe von 660 m über Meer. Die
Gemeinde hat eine Fläche von 2.61 km2 und ist damit flächenmässig
bei den sechs kleinsten Gemeinden des Kantons. Die 261 ha umfassen 44 ha Wald
und 217 ha Kulturland. Dieses Kulturland verteilt sich auf 22 bäuerliche
Betriebe. Von diesen Betrieben werden noch 2/3 selbst bewirtschaftet. Ausserdem
beherbergt die Gemeinde noch zwei Schreinereien, eine Schmiede, eine mechanische
Werkstätte für Kommunalfahrzeuge und Töffs und einen wunderschönen
Landgasthof. Erwähnenswert ist noch die grosse Obstdörrerei. Neben
dieser Dörrerei steht die Pumpstation der Seebelüftung Baldeggersee.

Vor hundert Jahren sah es noch
ganz anders aus. In Retschwil stand eine Mühle, die im Jahre 1330 von den
Edlen von Rynach gebaut wurde und im letzten Jahrhundert einging. Darum hat
das Gemeindewappen im schwarzen Feld ein halbes Mühlerad. Das obere gelbe
Feld zeigt das halbe Wappen der Ritter von Rynach. An die Mühle erinnern
heute noch der Mühlebach und die Liegenschaft “Mühlehof”.
Wolfetschwil hatte damals eine Sägerei und in Stäfligen wurden die
“Stäfliger-Ziegel” gebrannt. Ein Lieferbuch der Ziegelei Lang
in Stäfligen aus dem Jahre 1850 ist heute noch vorhanden. Es ist im Besitze
der Familie Lang-Frei in Stäfligen (heute noch “s’Zieglers” genannt).
Die Ziegelhütte stand bei der Strassengabelung östlich der Strasse.
Mit acht Pferden führte die Familie Lang den Lehm aus dem Raume Lenzburg
nach Stäfligen. Der Betrieb wurde Ende der 80er Jahre im letzten Jahrhundert
eingestellt. Heute noch gibt es alte Dächer im Seetal mit Stäfliger-Ziegeln,
die als sehr hochwertig galten. Die Stäfliger-Ziegel erkennt man an den
beidseitigen breiten Wasserrillen, die unten nach der Mitte zusammenlaufen.
Die Rillen wurden mit den beiden Daumen geformt.

Ein eigentliches Dorf besteht nicht.
Gemeindeteile: Retschwil, Wolfetschwil, Stäfligen (mit der Post), Guggerbühl
(mit Schulhaus), Bändlisacker, Hinterzelg und Vorderzelg. Einzelhöfe:
Stockweid und Schürweid. Von den sechs Gemeinden, die an den Baldeggersee
anstossen, haben Retschwil und Hitzkirch keinen Seeanteil. Während man
1850 noch 230 Einwohner zählte, sind es heute nur noch knapp 170. Einen
absoluten Tiefstand erreichte man 1980 mit einer Einwohnerzahl von 121. Mit
einem Bevölkerungsschwund von 1970 bis 1980 stellte Retschwil damals einen
“Schweizer Rekord” auf:


Abnahme 25 %

Seit einigen Jahren ist nun Retschwil
bevölkerungsmässig die kleinste Gemeinde des Kantons Luzern. Die Realkorporation
besitzt etwas mehr als eine ha Wald. Die Schulgemeinde umfasst die eigene Gemeinde,
die Gemeinde Herlisberg und den Weiler “Waldhaus” der Gemeinde Gunzwil.
Im Jahre 1808 wurde in der Hinterzelg ein Schulhaus erbaut. Nach dem Schulhausbrand
am 23. Dezember 1904 wurde vorübergehend in Stäfligen Schule gehalten.
Bis zum Schulhausneubau im Jahre 1906 entbrannte ein Streit zwischen den beiden
Gemeinden Herlisberg und Retschwil, weil jede der beiden das Schulhaus möglichst
nahe bei ihrem Zentrum haben wollte. Heute steht nun das Schulhaus an exponierter
Stelle ziemlich genau in der Mitte der Wegstrecke Herlisberg – Retschwil. Die
Aussicht auf das Tal ist vom Schulhaus aus grossartig. In diesem Jahr besuchen
37 Schüler die beiden Primarschulabteilungen (1. – 3. Klasse und 4. – 6.
Klasse). Die Abschlussklassen besuchen die Kinder von Retschwil in Hitzkirch
oder Hochdorf. Gegenwärtig plant man Erweiterungsbauten für Schule
und Gemeinde sowie eine Turnhalle. Kirchgemeindemässig gehört Retschwil
grösstenteils zu Hitzkirch; nur die Gehöfte Vorderzelg und Schürweid
gehören zur Kirchgemeinde Römerswil. Obwohl einst Pläne für
ein eigenes Gotteshaus vorhanden waren, besitzt Retschwil weder eine Kirche
noch eine Kapelle. Der Flurname Kilchmatte scheint aber auf ein inzwischen untergegangenes
Gotteshaus hinzuweisen.

Am 20. Februar 1981 stimmten die
Retschwiler Stimmbürger dem Neubau der Seestrasse mit Rad- und Gehweg im
Kostenbetrage von 2.5 Millionen zu. Im Verhandlungsprotokoll ist zu lesen: “Mit
35 Ja bei 39 anwesenden Stimmberechtigten, wurde das *Geschäft des Jahrhunderts*
eindeutig genehmigt”. Dieses wichtige Geschäft sollte jedoch nicht das
einzige bleiben. Bereits am 8. Juli 1981 bewilligte die Bürgerschaft weitere
1.7 Millionen für den Bau der Kanalisationen und noch 0.5 Millionen für
den Bau einer gemeindeeigenen Wasserversorgung. Es ist klar, dass diese gewaltigen
Aufgaben nur mit Hilfe des Finanzausgleiches bewältigt werden konnten.
Die Retschwiler sind daher doppelt froh, dass es eine so segensreiche Einrichtung
für kleine finanzschwache Gemeinden im Kanton gibt. Im Jahre 1982 galt
es dann für die Sanierung der Römerswilerstrasse einen ersten Kredit
von 0.2 Millionen zu sprechen. Für die Fertigstellung der Wasserversorgung
mussten nochmals 0.7 Millionen bewilligt werden. Der Ausbau des Feuerschutzes
in der Zelg und im Bändlisacker verlangten nochmals finanzielle 0pfer von
der Bürgerschaft. Gegenwärtig wird nun noch die Römerswilerstrasee
fertig saniert und dann können die Retschwiler sagen: die Infrastruktur
ist geschaffen, unsere Gemeinde ist intakt. So wurden denn auch im Mai 1985
für vier junge Retschwiler Bürger auf eigenem Grund und Boden in Wolfetschwil
Bauplätze eingezont, damit der Abwanderung entgegengewirkt werden kann.
Diese Abwanderung ist ein zentrales Problem unserer kleinen Gemeinde. Einerseits
möchte man wenigstens den Einheimischen genügend Wohnfläche zur
Verfügung stellen, anderseits sollte der ländliche Charakter einer
kleinen Gemeinde unter allen Umständen erhalten bleiben. Also ja nicht
Vergrösserung um jeden Preis, dann schon lieber: “klein aber fein”.